Ein Arbeitszeugnis ist eine offizielle, schriftliche Urkunde für den Arbeitnehmer, die Auskunft über die Dauer, Art und Qualität der Arbeitsleistung gibt und vom Arbeitgeber ausgestellt wird. Es dient bei Bewerbungen als wichtigste Referenz und verlässliche Bewertungsgrundlage für künftige Einstellungen. In Deutschland haben Arbeitnehmer einen gesetzlichen Anspruch auf dieses Dokument.
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Arbeitszeugnis einfach erklärt
In der Personalpraxis ist die Formulierung und Erstellung für Arbeitszeugnisse eine der aufwendigsten Pflichtaufgaben. Das deutsche Gewerbeordnung (GewO) schreibt vor, dass das Zeugnis klar und verständlich formuliert sein muss. Laut aktuellen Erhebungen führen unklare Zeugnisformulierungen in Deutschland jährlich zu rund 30.000 arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzungen. Es gelten zwei widersprüchliche Prinzipien: das Wahrheitsgebot (die Leistung muss korrekt dargestellt werden) und das Wohlwollensgebot (es darf den Mitarbeiter nicht behindern).
Die Erstellung folgt einem standardisierten Aufbau: Briefkopf, Überschrift, Einleitungssatz, Unternehmensbeschreibung, exakte Aufgabenbeschreibung, Leistungsbeurteilung, Verhaltensbeurteilung (Abwesenheiten wie Elternzeit bleiben unerwähnt) (gegenüber Vorgesetzte und Kollegen), der offizielle Grund für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses und schließlich die Schlussformel. Die Unterschrift muss zwingend von einer hierarchisch höhergestellten Person erfolgen.
Es gibt grundsätzlich zwei Arten: Das einfache Arbeitszeugnis beschränkt sich auf die reinen Fakten. Das häufigere qualifizierte Arbeitszeugnis enthält zusätzlich eine Bewertung der Leistung. Ein Zwischenzeugnis wird während eines laufenden Arbeitsverhältnisses ausgestellt, etwa bei einem Vorgesetztenwechsel.
Arbeitszeugnis vs. Referenzschreiben: Ein Arbeitszeugnis ist in Deutschland gesetzlich verpflichtend, formalisiert und muss das gesamte Beschäftigungsverhältnis objektiv abdecken. Ein Referenzschreiben hingegen wird absolut freiwillig ausgestellt, ist sehr persönlich formuliert und hebt meist rein positiv ein bestimmtes Erfolgsprojekt des Mitarbeiters hervor.
Vorteile und Nachteile von Arbeitszeugnissen
| ✅ Vorteile | ❌ Nachteile |
|---|---|
| Kandidatenauswahl: Für Recruiter sind sie oft die beste Quelle, um bisherige Tätigkeiten abzugleichen. | Hoher Aufwand: Die Erstellung individueller, rechtssicherer Texte bindet enorme Zeitkapazitäten. |
| Beweissicherung: Sie dokumentieren lückenlos den beruflichen Werdegang und die erworbenen Fachkenntnisse. | Rechtliche Risiken: Formulierungslücken führen oft zu teuren Arbeitsgerichtsprozessen. |
| Trennungs-Incentive: Ein hervorragendes Zeugnis ist oft das wichtigste Tauschmittel bei **Aufhebungsverhandlungen. | Zeugnissprache: Die stark verklausulierten Formulierungen verschleiern oft die tatsächliche Leistung. |
Arbeitszeugnis in der Praxis: Tipps für Unternehmen
Software für Zeugniserstellung nutzen
Schreibe Zeugnisse nicht „frei Schnauze“ in Word. Die rechtlichen Fallstricke bei der Formulierung sind gewaltig. Nutze spezialisierte HR-Software. Diese übersetzt deine Noten automatisch in rechtssichere Zeugnissprache, die den Dokumentationsaufwand im Personalbereich um bis zu 60 % senken kann.Auf die Schlussformel achten
Die sogenannte Schlussformel am Ende (Dank, Bedauern, gute Wünsche) ist der wichtigste Abschnitt für Recruiter. Fehlt sie komplett, wird das oft als Hinweis auf eine Trennung im Streit verstanden. Das Bundesarbeitsgericht urteilte jedoch, dass Arbeitnehmer darauf keinen Rechtsanspruch haben.Fachabteilungen in die Pflicht nehmen
HR kann die Qualität der Arbeit nicht allein bewerten. Etabliere einen Prozess, bei dem die direkte Führungskraft zwingend einen Beurteilungsbogen ausfüllt. Nur so stellst du sicher, dass die exakten Tätigkeiten korrekt abgebildet werden.
Warum ist ein Arbeitszeugnis für Unternehmen wichtig?
Das Arbeitszeugnis ist deine Visitenkarte als Arbeitgeber. Wenn dein Unternehmen monatelang keine Zeugnisse ausstellt oder fehlerhafte Dokumente verschickt, schädigt das dein Employer Branding und führt zu schlechten Kununu-Bewertungen. Für über 85 % der deutschen Recruiter ist ein aussagekräftiges Zeugnis nach wie vor ein hartes Kriterium bei der finalen Kandidatenauswahl.
Zudem hat das Zeugnis eine massive juristische Dimension. In Deutschland bist du als Arbeitgeber beweispflichtig, wenn du eine schlechtere Note als „befriedigend“ vergeben möchtest. Kannst du die Minderleistung nicht sauber dokumentieren, zwingt dich das Arbeitsgericht am Ende, dem Arbeitnehmer wahrheitsgemäss ein wohlwollend formuliertes, gutes Zeugnis auszustellen.
Häufig gestellte Fragen zum Arbeitszeugnis
Bis wann muss der Arbeitgeber das Arbeitszeugnis ausstellen?
Der gesetzliche Anspruch entsteht mit der Kündigung und wird am letzten Arbeitstag fällig. In der Praxis hat der Arbeitgeber dann eine zumutbare Frist von zwei bis drei Wochen, um das Dokument auszuhändigen.
Was darf nicht im Arbeitszeugnis stehen?
Krankheitszeiten, Gewerkschafts- oder Betriebsratszugehörigkeit, Mutterschutz, Elternzeit, private Lebensumstände oder Kündigungsgründe dürfen nicht erwähnt werden. Auch abwertende Formulierungen verstoßen gegen das Wohlwollensgebot. Versteckte negative Botschaften — sogenannte Geheimcodes — sind ebenfalls unzulässig und können vom Arbeitnehmer vor dem Arbeitsgericht angefochten werden.
Was bedeutet „stets zur vollen Zufriedenheit“?
Diese Formulierung entspricht in der klassischen Zeugnissprache der Schulnote 2 (gut). Ein „stets zur vollsten Zufriedenheit“ wäre ein „sehr gut“ (Note 1), während „zur vollen Zufriedenheit“ ohne das Wörtchen „stets“ nur einem „befriedigend“ (Note 3) entspricht.
Was ist der Unterschied zwischen einem einfachen und einem qualifizierten Arbeitszeugnis?
Ein einfaches Arbeitszeugnis enthält ausschließlich Angaben zur Person, zur Art und Dauer der Beschäftigung — ohne jede Bewertung. Das qualifizierte Arbeitszeugnis ergänzt diese Fakten um eine detaillierte Beurteilung der Leistung und des Sozialverhaltens. In der Praxis verlangen über 90 % der Arbeitnehmer ein qualifiziertes Zeugnis, da es für Recruiter deutlich aussagekräftiger ist.
Kann ein Arbeitnehmer sein Arbeitszeugnis anfechten?
Ja, der Arbeitnehmer kann eine Zeugnisberichtigung verlangen, wenn die Bewertung nachweislich falsch oder unvollständig ist. Lehnt der Arbeitgeber die Korrektur ab, bleibt der Klageweg vor dem Arbeitsgericht. Dort trägt der Arbeitgeber die Beweislast für eine schlechtere Bewertung als „befriedigend“, der Arbeitnehmer hingegen für eine bessere Note.
Wie lange muss der Arbeitgeber ein Arbeitszeugnis aufbewahren?
Eine explizite gesetzliche Aufbewahrungspflicht für Arbeitszeugnisse existiert nicht. Experten empfehlen jedoch, das Zeugnis mindestens drei Jahre nach Ausstellung zu archivieren, da dies der regelmäßigen Verjährungsfrist für arbeitsrechtliche Ansprüche nach dem BGB entspricht.
Darf ein Zwischenzeugnis vom Schlusszeugnis abweichen?
Grundsätzlich ja, allerdings nur bei nachweisbar veränderter Leistung seit dem Zwischenzeugnis. Weicht das Schlusszeugnis ohne sachlichen Grund erheblich ab, kann der Arbeitnehmer auf die Bindungswirkung des Zwischenzeugnisses verweisen und eine Anpassung verlangen.
Verwandte Begriffe
- Altersvorsorge betrieblich — Wird beim Austritt parallel zum Zeugnis geregelt
- Arbeitszeitgesetz — Rahmen, innerhalb dessen die bewertete Arbeitsleistung erbracht wird
- Betriebliche Altersvorsorge — Ansprüche, die parallel zum Zeugnis bei Austritt geklärt werden
- Mehrarbeit — Wird im Zeugnis oft als besondere Einsatzbereitschaft gewürdigt
Wer Arbeitszeugnisse im Kontext der Arbeitnehmerüberlassung ausstellen muss, findet im Ratgeber zur Arbeitnehmerüberlassung die relevanten Besonderheiten. Für die Auswahl passender Dienstleister hilft der Vergleich der besten Anbieter für Arbeitnehmerüberlassung in Deutschland bei der Entscheidung.
Quellen: Gewerbeordnung (GewO), Bundesarbeitsgericht (BAG), Bürgerliches Gesetzbuch (BGB). Dieser Artikel wurde von der Glow Careers Redaktion verfasst und geprüft.